Die Vietnamesen in München sind Migranten mit unterschiedlichen Migrationsgründen, nämlich ehemalige Bootsflüchtlinge und ihre nachgezogenen Familienangehörigen, ehemalige Vertragsarbeiter der DDR und ihre nachgezogenen Familienangehörigen, Asylbewerber, Studierende, Heiratsmigranten und andere. Viele davon haben einen gesicherten und/oder dauerhaften Aufenthalt in Deutschland. Sie wohnen in allen Stadtteilen der Stadt München, besonders konzentriert in Ramersdorf - Perlach, Milbertshofen - Am Hart, Feldmoching - Hasenbergl. Sie beteiligen sich freiwillig an Aktivitäten der vietnamesischen Community, die sich an ihren migrationsbezogenen Interessen und Bedürfnissen orientieren und in unterschiedlichen Stadtteilen stattfinden. Zu den Interessen und Bedürfnissen zählen die vietnamesische Geselligkeit, die traditionellen Feiern, das Praktizieren der Religion, die Erhaltung und Weitergabe der vietnamesischen Kulturwerte sowie die alltägliche Orientierung bzw. Existenz in der deutschen Gesellschaft.
Die Schwierigkeiten bzw. Probleme der Vietnamesen in München umfassen hauptsächlich die deutschen Sprachkenntnisse, Diskriminierung am Arbeitsplatz sowie Kindererziehungs- und Familienprobleme. Diese Probleme gehen meist auf mangelhafte Deutschkenntnisse und eine Verfestigung des traditionellen vietnamesischen Familienlebens zurück. Bei Schwierigkeiten wenden die Vietnamesen sich zuerst an ihren Verwandten, dann an Freunde oder Bekannte. Sie sehen die Annahme der Hilfsangebote außervietnamesischer sozialer Organisationen als letzte Lösungsalternative an, weil sie ihren Deutschkenntnissen im Umgang mit deutschsprachigen sozialen Organisationen nicht trauen.
Zu den Stärken der Vietnamesen gehören Eigenschaften wie Ehrgeiz, Fleiß, hohe Arbeitsmotivation, Flexibilität, Geschick, die nicht nur in einer Industriegesellschaft, sondern auch in einer kontinuierlich sich verändernden Umwelt nützlich sind. Es kommt häufig vor, dass ein Vietnamese, der einer ehemaligen Vertragsarbeiter und Arbeitnehmer war, zum Geschäftsführer eines Textilladens oder eines Lebensmittelladens geworden ist. Es kommt auch häufig vor, dass vietnamesische Kinder als erfolgreiche Kinder mit Migrationshintergrund anerkannt werden, weil sie gute Schulleistungen an Gymnasien schaffen können. Der Spruch „Einmal Unterschicht, immer Unterschicht“ gilt nicht für vietnamesische Migranten in Deutschland.
Allerdings besteht ein schwacher Zusammenhalt innerhalb der vietnamesischen Community in München. Dieses könnte als eine der Schwächen der Community angesehen werden, weil es zu Konflikten innerhalb der Community führte und weiterhin führen kann. Infolgedessen erfahren die Vietnamesen manchmal auch eine sozusagen innervietnamesische Diskriminierung, wie die Distanzierung zwischen den ehemaligen „Boat-People“ und nordvietnamesischen Migranten: „[…] sie kann sich nicht mit uns befreunden.“ (Interview). Diese Schwäche wirkt sich überwiegend auf Aktivitäten der gesamten vietnamesischen Community aus.
Aufgrund der ähnlichen Interessen, Bedürfnisse und Kompetenzen der vietnamesischen Migranten wurde eine Reihe von Vereinen, Vereinigungen, Gruppen, Begegnungsstätten und Geschäften gegründet, die die Vielfalt der vietnamesischen Community ausmachen. Dazu zählen fünf wichtige Säulen: Religionsvereinigungen, Politikgruppen, Kulturvereine bzw. Kulturgruppen, (Frauen)Selbsthilfegruppen und Geschäfte.
Schwerpunkte der meisten Aktivitäten und Angebote der Vereine bzw. Gruppen liegen auf gesellschaftlicher Orientierung, Alltagsbewältigung, Bildung und Kultur, d.h. Bewahrung bzw. Weitergabe der vietnamesischen Kulturwerte. Diese Angebote und Aktivitäten ermöglichen den Vietnamesen, Informationen über ihren Lebensalltag auszutauschen und migrationsbezogene psychische Belastungen zu mindern. Sie bieten den Vietnamesen die Möglichkeit an, die deutsche Gesellschaft kennenzulernen sowie Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen aufzubauen. Außerdem bieten die vietnamesischen Geschäfte den Vietnamesen zahlreiche Beschäftigungsmöglichkeiten. Somit erfüllt die Community die Funktionen von sozialer Anbindung, Stabilisierung der Persönlichkeit, Neueinwandererhilfe und Selbsthilfe. Sie gilt als Sozialkapital bzw. Ressource der Vietnamesen. Allerdings hat diese Ressource gegensätzliche Wirkungen. Zum einen begünstigt die Community mit ihren politischen, wirtschaftlichen, interkulturellen, sozialen Wirkungen die weitere Integration der Vietnamesen in die deutsche Gesellschaft. Zum anderen könnte die Community sich negativ auf den Integrationsprozess auswirken, wenn die Vietnamesen von diesem Sozialkapital lebenslang abhängig leben. Weitere Faktoren der erfolgreichen Integration sind die Persönlichkeit der Migranten und die Offenheit der deutschen Gesellschaft. Inwieweit die Vietnamesen sich in München integrieren, erfordert eine andere Untersuchung.
Im Vergleich zu den vietnamesischen Communities in Berlin oder in Ostdeutschland, die viele Hilfsprojekte in Vietnam durchgeführt haben, sind solche Projekte in der vietnamesischen Community in München nicht deutlich erkennbar. Die Münchner Vereine und Gruppen konzentrieren sich im Wesentlichen auf die Unterstützung der Vietnamesen bei der Kulturbewahrung, Alltagsgestaltung und -bewältigung in München.
In Interviews mit Experten werden immer wieder jährlichen Urlaubsreisen in die Heimat bzw. dortige Hauskäufe der in München lebenden Vietnamesen erwähnt. Dies bedeutet ein Sichbewegen in transnationalen Räumen. Diese Mobilität führt zur kontinuierlichen Kettenwanderung. Allerdings könnte sie eine offene Rückkehrperspektive, insbesondere aufgrund wirtschaftlicher Investitionen in Vietnam sein. Ob oder inwiefern sich diese vietnamesische Transmigration auf Deutschland und Vietnam auswirkt, erfordert eine andere ausführliche Untersuchung.
Das Konzept der ethnischen Kolonie wurde vom Heckmann in der Analyse des Phänomens der Arbeitsmigration ausgeführt. Durch die Untersuchung der vietnamesischen Community in München lässt sich feststellen, dass dieses Konzept ausschlaggebend für die Analyse der ethnischen Communities sind, die sowohl aufgrund der Arbeitsmigration, als auch aufgrund der anderen Migrationsmotivationen entstanden sind.
Es ist wichtig für SozialarbeiterInnen, die sozialen ethnischen Netzwerke von AdressatInnen mit Migrationshintergrund, wie z.B. in dieser Arbeit von vietnamesischen Migranten, zu kennen. Häufig brauchen Fachkräfte in der Sozialen Arbeit Wissen über innerethnische Strukturen der Communities, zu denen ihre vietnamesischen AdressatInnen gehören, um einen Einblick in diese Communities zu bekommen. Allerdings fällt es diesen Fachkräften als Außenstehenden nicht so leicht, eine ethnische Community im Allgemeinen, insbesondere die vietnamesische Community zu durchschauen und mit ihr Kontakte aufzubauen. Eine Beschreibung der vietnamesischen Community in München dient diesem Zweck.
Es ist auch wichtig, besonders für die Arbeit mit vietnamesischen Familien, zu wissen, wo die Vietnamesen in München konzentriert leben und damit auch, wo sich eventuelle soziale Probleme von Vietnamesen besonders konzentrieren würden.
Bedürfnisse und Interessen von AdressatInnen zu verstehen und ihre vorhandenen Ressourcen und Kompetenzen zu erkennen, sind zentrale Aspekte der Sozialen Arbeit. Eine Beschreibung der vietnamesischen Community in München nach Heckmann liefert einige wichtige Informationen über diese zentralen Aspekte für die Soziale Arbeit mit vietnamesischen AdressatInnen in München.
In der konkreten Beratungsarbeit für vietnamesische AdressatInnen durch muttersprachliche Fachkräfte spielt es oft eine wichtige Rolle, innerethnische Konflikte unter vietnamesischen MigrantInnen zu verstehen, um angemessene Hilfe für sie zu koordinieren, ohne dass diese aufgrund der Konflikte abgelehnt wird.
Nicht zuletzt könnte es ein Vorteil sein, verschiedene Vereine oder Organisationen vietnamesischer MigrantInnen zu kennen und dieses für eine Vernetzungsarbeit zwischen ihnen und deutschen Einrichtungen zu nutzen.
Author: Diem Quynh Le







