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Die Vietnamesische Community

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Der vorliegende Artikel befasst sich mit dem Thema der vietnamesischen Community in München. Die Community besteht aus zahlreichen Gruppierungen der Vietnamesen. Die Fragen, wie sich Strukturen, Funktionen der vietnamesischen Community in München beschreiben lassen und wie diese Community die Integration der Vietnamesen  beeinflusst, stehen im Vordergrund.

Die Daten wurden durch Leitfadeninterviews mit fünf Expertinnen und Experten erhoben. Dazu wurde die Methodik Experteninterview und teilnehmende Beobachtung angewandt. Das Untersuchungsfeld ist die Landeshauptstadt München des Bundeslandes Bayern, wo 5.174 Vietnamesen Ende Dezember 2009 lebten. Mit diesem Artikel möchte ich ein Bild der Lebenssituation von Vietnamesen in München zeichnen, wobei es sich um alltägliche Aktivitäten, Schwierigkeiten und ihre Integration in die deutsche Gesellschaft handelt. Abgesehen von der Beschreibung der nach Migrationsgründen aufgeteilten Gruppen fokussiert dieser Artikel nur die Beschreibung von Vereinen, Frauenselbsthilfegruppen, religiösen Vereinigungen in München und Internet- Foren, an denen sich Vietnamesinnen und Vietnamesen mit unterschiedlichen Migrationsgründen beteiligen.

Der Anstoß zu diesem Thema ergibt sich zum einen aus meiner eigenen Migrationsbiographie. Ich bin in einer Familie mit Migrationserfahrungen und unterschiedlichen Migrationsgründen aufgewachsen und bin eine seit fünf Jahren in München lebende Studentin. In meinem vietnamesischen Umfeld  erlebe ich weiterhin das Praktizieren bzw. das Bedürfnis nach Bewahrung der vietnamesischen Kultur in Deutschland, d.h. der traditionellen Lebensgewohnheiten, insbesondere Esskultur, Familienkultur, Feierkultur, etc. Darüber hinaus erfahre ich in diesem  sozialen Umfeld die Probleme, u.a. mit der deutschen Sprache, Fremdenfeindlichkeit, Integrationsprobleme, psychische Belastungen wie Heimweh, Einsamkeit, Zukunftsangst, Zugehörigkeitsgefühl, etc. Deswegen interessiere ich mich für die Erforschung eines Integrationsmodells, wobei sowohl aufnahmelandspezifische, als auch herkunftslandspezifische Faktoren als Ressourcen der Migranten für ihre erfolgreiche Integration in die deutsche Gesellschaft angesehen werden.

Zum anderen entstand die Motivation aufgrund meiner Arbeit einer Beratungsstelle für Frauen aus außereuropäischen Ländern. Bei der Beratungsstelle habe ich die Gelegenheit, viele Vietnamesinnen mit verschiedenen Migrationsmotivationen kennenzulernen und ihnen bei der Bewältigung vielfältiger Probleme zu helfen, nämlich bei Behördengängen, Kindererziehungsproblemen, Familienkonflikten, psychischen Belastungen, Schulden, Gesundheitsproblemen und anderen alltäglichen Problemen. Für die professionelle Gestaltung eines lösungs- und ressourcenorientierten Hilfeplans wird Case Management als Arbeitsmethode angewendet, wobei die Analyse sozialer Ressourcen bzw.  sozialer Netzwerke von AdressatInnen besonders zu berücksichtigen ist, u.a. Verwandtenkreise, Bekanntenkreise, ethnische Selbsthilfegruppen, Vereine, etc. Um sich mit vietnamesischen AdressatInnen zu befassen bzw. mit vietnamesischen Organisationen in München zusammenarbeiten zu können, benötigt man einen Überblick über die vietnamesische Community.

Diesier Artikel ist in mehrere Teile gegliedert, um die Problematik der Vietnamesischen Community in Deutschland aufzuzeigen. Im ersten Teil gehe ich auf  das Konzept „ethnische Kolonie“ von Friedrich Heckmann ein, um relevante Begriffe zu definieren und die Strukturelemente, Funktionen der ethnischen Kolonie vorzustellen. Anschließend werden die Integrationstheorien von Hartmut Esser und Auffassungen von Friedrich Heckmann bzw. das Integrationskonzept der Landeshauptstadt München kurz erwähnt, um die Bedeutung und Wirkungen der ethnischen Community auf den Integrationsprozess von Migranten herauszustellen. Auf diesen theoretischen Grundlagen habe ich die Leitinterviewfragen entwickelt.

Im Anschluss daran befasst sich der zweite Teil mit dem Überblick über die Migrationsgeschichte der vietnamesischen Gruppierungen in Deutschland. Im dritten Teil wird die Methode Experteninterview vorgestellt, die ich für die Datenerhebung angewendet habe. Im vierten Teil folgt die Beschreibung der vietnamesischen Community in München anhand von der aus Interviews erhobenen Daten, Literatur und Websites. Im fünften Teil dieses Themas "Vietnam Community" wird eine grobe Einschätzung der Funktionen und des Einflusses der vietnamesischen Community getroffen. Zum Schluss werden die Ergebnisse der Untersuchung und Folgerung für die Sozialarbeit mit AdressatInnen mit vietnamesischem Hintergrund kurz zusammengefasst und Anregungen für Weiteruntersuchungen gegeben, die sich mit vietnamesischen Migranten befassen.

An dieser Stelle möchte ich mich herzlich bei allen vietnamesischen Expertinnen und Experten bedanken, ebenso bei den Verantwortlichen zahlreicher Vereinen und Organisationen.

Die Ergebnisse dieses Artikels könnten als Anregung für die Sozialarbeit mit vietnamesischen AdressatInnen im heutigen Kontext der interkulturellen Öffnung betrachtet werden. Eine tiefere Beschäftigung mit den spezifischen Problemfeldern und dem Integrationsniveau von Vietnamesen erfordert ausführlichere Studien.

Theoretische Grundlagen für die Vietnamesische Community

Die Beschreibung der vietnamesischen Community bzw. deren Funktionen und sozialen Wirkungen erfordert Definitionen der Begriffe „ethnische Kolonie“, „Zwischenwelt“, „Integration“. Für die Beschreibung der vietnamesischen Community ist meiner Meinung nach das Konzept ethnischer Kolonie von Friedrich Heckmann geeignet, da er näher auf die Definition, Entstehung, Struktur und Funktion der ethnischen Kolonie (auch verstanden als ethnische Community) eingeht. Durch seine Fragestellung „ Ethnische Kolonie: Schonraum für Integration oder Verstärker der Ausgrenzung?“ kann man ethnische Koloniebildung hinsichtlich der Akkulturation bzw. Integration in die Aufnahmegesellschaft beschreiben, was ich in dieser Arbeit auch vorhabe. Der zweite Grund für die Anwendung des Konzeptes Heckmann liegt darin, dass die meisten vietnamesischen Migranten in Deutschland dauerhaften und gesicherten Aufenthalt haben, was entscheidend für die Gründung der ethnischen Kolonie ist. Laut Statistischem Bundesamt besitzt knapp die Hälfte von ca. 84 400 Vietnamesen in Deutschland 2009 eine zeitlich unbefristete Aufenthaltserlaubnis oder Niederlassungserlaubnis. Durch ihren langen gesicherten Verbleib in Deutschland wurden zahlreiche Vereine, Organisationen, religiöse Vereinigungen, vietnamesische Märkte gegründet, um Bedürfnisse von Vietnamesen im Aufnahmeland zu befriedigen.

Für die Einschätzung von Wirkungen und Bedeutung der vietnamesischen Community, insbesondere hinsichtlich des Integrationsprozesses der Vietnamesen in München sind die Integrationstheorie bzw. das Assimilationsverständnis nach Hartmut Esser und der Integrationsbegriff nach Friedrich Heckmann in Zusammenhang mit dem Integrationskonzept der Landeshauptstadt München ausschlaggebend.

Definition des Begriffes „Ethnische Kolonie“

Der Begriff „ethnische Kolonie“ wird in der Literatur auch „ethnische Gemeinden“ oder „Diaspora“, oder „Community“ genannt. Allerdings werden die Begriffe „Gemeinde“ und „Community“ oft in Politik und Medien benutzt.

Ausgehend vom Phänomen der deutschen Community in den USA im 19. Jahrhundert versteht Annette Treibe unter dem Begriff Community  „unterschiedliche Formen ethnischen Zusammenlebens, die mehr oder weniger verbindlich sein können und nicht zwangsläufig an räumliche Nähe gebunden sind“.

Friedrich Heckmann definiert „ethnische Kolonie“ als formelle und informelle Strukturen ethnischer Selbstorganisation von Migranten in einer bestimmten „räumlich-territorialen Einheit“, in der soziale innerethnische Beziehungen aufzubauen und zu erhalten sind. Ethnische Koloniebildung basiert auf Freiwilligkeit und ist nicht notwendig mit separierten Wohnbezirken verbunden. Die Entstehung der ethnischen Kolonien ergibt sich sowohl aus der Antwort auf institutionelle Bedürfnisse der Migranten in der Migrations- und Minderheitensituation, als auch aus der „Verpflanzung“ und Fortsetzung der bereits in der Herkunftsgesellschaft bestehenden sozialen Beziehungen. Ethnische Kolonien beruhen  auf Verwandtschaft, Vereinswesen, religiösen Gemeinden, politischen Organisationen, informellen sozialen Verkehrskreisen und Treffpunkten, spezifisch ethnischen Medien und ethnischer Ökonomie.

Im Vergleich mit dem Begriff „Ghetto“, der mit räumlicher sozialer Ausgrenzung verbunden ist und minderwertige Bedeutung beinhaltet, enthält der Begriff „ethnische Kolonie“ keine negative Bedeutung, da weder räumliche Konzentration noch Zwang besteht.

Im Zusammenhang mit der Geschichte Vietnams hat der Begriff „Kolonie“ keine positive Bedeutung, weil Vietnam etwa 1000 Jahre lang eine chinesische Kolonie und später eine knapp 100 Jahre lang französische Kolonie war. Der Begriff „Kolonie“ assoziiert deshalb mit den langjährigen Kämpfen gegen die Kolonialherrschaft für die Unabhängigkeit, Freiheit und Demokratie. Deswegen werde ich den Begriff „Community“ statt des Begriffs „Kolonie“ im vierten Kapitel dieser Arbeit anwenden, um das Phänomen der Vietnamesen in München zu beschreiben.

Strukturelemente der ethnischen Kolonie für die Vietnam Community in Deutschland

Heckmann setzt voraus, dass die Entstehung der ethnischen Kolonie auf Bedürfnissen der Migranten nach sozialen ethnischen Beziehungen und nach ethnischen Institutionen beruht, die sich mit Bedürfnissen sowie migrations- und minderheitsbezogenen Problemlagen der Migranten beschäftigen. Deswegen umfasst die Struktur der ethnischen Kolonie drei Elemente: Verwandtschaftssystem und Kettenmigration, Migrationsvereine, ethnische Ökonomie.

Verwandtschaftssystem und Kettenmigration

Heckmann geht davon aus, dass Kettenwanderung ein erstes wichtiges Strukturelement der Begründung ethnischer Kolonie sei, da die Kettenwanderung den „Verpflanzungsprozess“ sozialer Beziehungen darstellt. Migranten nutzen seiner Beobachtung nach soziale Beziehungen zu bereits Ausgewanderten für ihren Migrationsprozess. Diese sozialen Beziehungen sind bereits im Herkunftsland gegründet, z.B. Verwandtschaft oder (frühere) Nachbarschaft, Bekanntschaft, Freundschaft, usw. Die Ausgewanderten verbreiten im Herkunftsland eine Vorstellung eines neuen besseren Lebens im Ausland. Sie helfen den Migranten bei Auswanderungsreisen. Im Einwanderungsland wird ihnen von diesem sozialen Beziehungskreis geholfen, Arbeitsplätze zu finden und sich an die neue Umgebung anzupassen. Dadurch findet der „Verpflanzungsprozess“ der sozialen Beziehungen aus dem Herkunftskontext in den Immigrationskontext statt. Die engen sozialen Beziehungen, insbesondere innerethnische soziale Beziehungen, verdichten sich zur Grundlage der ethnischen Kolonie. Voraussetzung für Kettenwanderung ist Kontinuität der Beziehungen zwischen den Ausgewanderten und ihrem Herkunftskontext. Diese Kontinuität der Beziehungen geht  teilweise auf die diversen sozialen Probleme der Ausgewanderten im Aufnahmeland zurück, u.a. Einsamkeit, Diskriminierung, usw.

Nach Heckmann ist Kettenwanderung eine universelle und wahrscheinlich auch die quantitativ bedeutendste Form der Migration. Wie Verwandtschaftssystem bzw. Kettenwanderung sich im vietnamesischen Phänomen in Deutschland darstellt, wird durch die Migrationsgeschichte der Vietnamesen im zweiten Teil dieses Artikels erläutert.

Vietnamesische Vereine, Organisationen und religiöse Vereinigungen

Heckmann erwähnt spezifische Bedürfnisse der Migranten, die sich auf Orientierungs- und Existenzsicherung im Aufnahmeland beziehen. Zwecks Befriedigung dieser spezifischen Bedürfnisse werden Vereine, Vereinigungen, Organisationen von Migranten gegründet, die Solidarfunktion haben und das Bedürfnis nach Geselligkeit erfüllen. Sie gelten als weitere Strukturelemente der ethnischen Kolonie. Einerseits erfüllen die Vereine eine Selbsthilfe-, Freizeit-, Schutz-  sowie Partizipationsfunktion, andererseits vertreten sie nach außen die Interessen ihrer Mitglieder. Sie wirken darüber hinaus auf das politische Verhalten und auf die Partizipation ihrer Mitglieder.

Nach Heckmann sind die wichtigsten Vereinstypen in Koloniebildung, Elternvereine, Regionalvereine, ethnische Sportvereine und das „Zentrum“, religiöse Vereinigungen und politische Gruppen. Bei Elternverein handelt es sich primär um Interessenvertretung und ethnische Auseinandersetzung mit vielfältigen Schulfragen der zweiten und dritten Einwanderergeneration. „Das Zentrum“ befasst sich mit vielfältigen Bedürfnissen, Interessen und Tätigkeiten auf ethnischer Grundlage. Zu den Aktivitäten des „Zentrums“ gehören Kultur, Sport, gesellige Freizeitgestaltung. Regionalvereine zielen auf die Pflege der regionalen Kulturen der Auswanderungsländer im Aufnahmeland. Religiöse Vereinigungen der Migranten beziehen sich aufgrund des Immigrationskontextes nicht nur auf den religiösen Bereich, sondern auch auf spezifische Bedürfnisse, die sich aus der Immigrationssituation ergeben. Politische Gruppen spiegeln vielmehr Fraktionierungen und Interessen des Herkunftskontextes. In Bezug auf politische Spannungen im Auswanderungsland führt die Herkunftsorientierung der politischen Organisationen zu Konflikten zwischen verschiedenen Gruppen der ethnischen Kolonie im Einwanderungsland.

Ethnische Ökonomie der Vietnam Community

Friedrich Heckmann beschreibt ethnische Ökonomie in der Bundesrepublik als eine „Ergänzungsökonomie“ bzw. ethnische differenzierte Ergänzungsökonomien, die sich auf eine spezielle Nachfrage aufgrund der Migrationssituation orientieren, die von einheimischen Anbietern nicht abgedeckt wird.

Zu den wichtigsten Betrieben der Ergänzungsökonomien gehören Lebensmittelgeschäfte, Export-Import Geschäfte, Videogeschäfte, Buchläden, Übersetzungsbüros, Banken, Reisebüros und Speditionen. Die ethnischen Betriebe in der Bundesrepublik zeichnen sich durch folgende Eigenschaften aus:

  • Multifunktionalität: Die Betriebe bieten unterschiedliche Waren und/oder Dienstleistungen, sogar Arbeits- und Wohnungsvermittlung an.
  • Sie sind meist Kleinbetriebe mit geringer Kapitalausstattung. Die Selbständigen verfügen zwar über mangelhafte Führungsqualifikation aber starke Arbeitsmotivation unter Mithilfe von Familienangehörigen, Verwandten und Freunden.
  • Bestehen keiner „Solidarität“ der ethnischen Ökonomie, die mit Preisabsprachen, Kreditassoziationen und der Konkurrenzeinschränkung kennzeichnend ist.

Heckmann unterscheidet „Nischenökonomie“ von „Ergänzungsökonomie“ durch Kundenstruktur bzw. Nachfrage der Mehrheitsgesellschaft, d.h. Nischenökonomie richtet sich nicht nur an ethnische Bedürfnisse, sondern auch primär an einheimische Bedürfnisse sowie Nachfrage anderer Migranten im Einwanderungsland. Allerdings bemerkt Heckmann, dass die Trennlinien sich nicht sehr scharf zeigen.

Bei Gründungsmotiven eines ethnischen Betriebs sind  Pull- und Push Faktoren zu berücksichtigen. Zum einen ist es die  Möglichkeit zum Einsatz der eigenen Kompetenzen und  Ressourcen von Migranten, insbesondere Muttersprache bzw. kulturelle Normen und Werte des Herkunftslandes, die wirtschaftliche Aktivitäten der Migranten im Aufnahmeland beeinflusst. Bei der Ausübung einer Selbständigkeit können Migranten nicht nur auf die traditionellen und/oder ausgebildeten Berufe aus der Herkunftsregion zurückgreifen, sondern sie können ihre Familienangehörigen im Betrieb mit einbeziehen. Dies trägt zu Erfolg und Etablierung des ethnischen Betriebs bei. Zum anderen  bestehen die rechtlichen, institutionellen Bedingungen, die Chancen der Migranten beschränken, am Arbeitsmarkt teilzunehmen, sich Zugang zu notwendigen Kapitalressourcen, Standorten und Waren zu verschaffen. Diese Push- Faktoren sind auch entscheidend für eine Gründung eines ethnischen Betriebs.

Funktionen ethnischer Kolonie der Vietnam Community

Infolge der Migration werden Entwurzelung und Desozialisierung erzeugt, die zur doppelten existentiellen Unsicherheit und Orientierungsstörungen bei Migranten in der Aufnahmegesellschaft führen. Deswegen ist es erforderlich für die Migranten, eine generelle Re-Orientierung, Re-Sozialisierung, die umfassende Re-Definition sozialer Rollen und die grundlegende mit der neuen soziokulturellen Situation der Aufnahmegesellschaft kompatible Transformation ihrer Identität und Existenz zu schaffen. Hinsichtlich der psychosozialen Unterstützung für Migranten kommt den ethnischen Kolonien in Aufnahmeland enorm wichtige Bedeutung zu.

Heckmann betrachtet Funktionen und Wirkungen ethnischer Koloniebildung auf drei Ebenen: Persönlichkeit der Migranten, ethnische Migrantengruppe und das Verhältnis von Migranten und Mehrheit. Diese Funktionen umfassen Neueinwandererhilfe, Stabilisierung der Persönlichkeit, Selbsthilfefunktion, Sozialisationsfunktion, soziale Kontrolle sowie Interessenvertretung und Repräsentation:

Neueinwandererhilfe: Ethnische Kolonie bedeutet für Neuzuwanderer als die „Einwanderergesellschaft“, die sich durch die modifizierte Form der spezifischen Herkunftskultur im Einwanderungsland auszeichnet. Die sogenannte  Einwanderergesellschaft“ vermindert den Kulturschock in der Anfangsphase der Zuwanderer. Sie hilft Neuzuwanderern, sich praktisch, kognitiv und emotional an das Einwanderungsland anzupassen.
  • Stabilisierung der Persönlichkeit: Im Migrationskontext sind die Migranten mit vielfältigen Verunsicherungen und Orientierungsstörung konfrontiert, insbesondere Lern- und Anpassungsdruck in Bezug auf Re-Sozialisation in der neuen Aufnahmegesellschaft. Infolgedessen scheinen bei Migranten Bedürfnisse nach Zugehörigkeit, Geselligkeit besonders stark zu sein. Ethnische Kolonien bieten Migranten der ersten Generation die Möglichkeit der Praktizierung der Herkunftskultur sowie Zugehörigkeit zu eigenkulturellen Gruppen an, die zur Entlastung von psychischen Belastungen, zur Identitätssicherung bzw. Identitätsrekonstruktion bei Migranten beitragen können.
  • Selbsthilfe in Form der kollektiven Solidarität der ethnischen Kolonie wird als Ergänzungsorgan im Sozialstaat angesehen. Dazu gehören Unterstützung von Erwerbs- und Familienarbeit, Kranken- und Kinderbetreuung und Informationsaustausch im Rahmen innerethnischer Sozialbeziehungen.
  • Die Sozialisationsfunktion der ethnischen Kolonie besteht in der kulturspezifischen Sozialisation nachfolgender Generationen der Migranten und der allgemeinen Sozialisationsfunktionen, z.B. in Bezug auf Tätigkeiten der Migranten und Ausdifferenzierung ihrer Bedürfnisstrukturen.
  • Die Funktion der Sozialkontrolle stellt die Vermeidung eines in der Migrantengruppe und/oder Mehrheitsgesellschaft unerwünschten Verhaltens durch Mitgliedschaft in ethnischen Gemeinschaften und Vereinigungen dar.

Die Funktion der Interessenartikulation und -vertretung für Migranten haben ethnische Institutionen, wie Vereine, religiöse Gemeinde. Darüber hinaus besteht die Funktion  der Repräsentation der Minderheitengruppe in der Öffentlichkeit der Mehrheits- oder Gesamtgesellschaft, wobei kulturelle und sportliche Vereine einen besonderen Stellenwert gewinnen.

Bedeutung der ethnischen Kolonie für den Integrationsprozess der Migranten

Binnenmigration, Mobilitätsfalle oder Übergangsinstitution

In den 1980er Jahren entwickelten sich wissenschaftliche Diskussionen über die Stabilität der ethnischen Koloniestrukturen und über deren Wirkungen auf Akkulturation bzw. Assimilation der Migranten. Georg Elwert vertritt  mit dem Konzept „Binnenintegration“ die Auffassung, dass die Wichtigkeit der Orientierung „nach innen“ (auf die Community-Strukturen) größer als „nach außen“ (auf das Einwanderungsland) einzuschätzen ist, weil die ethnische Community Zuwanderern ermöglicht, sich Alltagswissen zu erwerben, ihre aus dem Migrationskontext resultierenden Unsicherheiten zu verringern, ihr Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen zu bilden sowie Vertrauen in eine prinzipielle Rückzugsmöglichkeit innerhalb der Community zu haben. Somit gilt ethnische Community als erster Schritt zur Integration in die Mehrheitsgesellschaft.

Hartmut Esser stimmt teilweise zu, dass die ethnische Kolonie eine nützliche Rolle als erste Anpassung der Migranten in die Aufnahmegesellschaft hat. Allerdings wendet er gegen das Konzept Binnenintegration ein, dass diese aus seiner Sicht eine Mobilitätsfalle darstellt, die die Zuwanderer daran hindern, Chancen zur Besetzung von Statuspositionen außerhalb der Community wahrzunehmen.

Heckmann betrachtet die ethnische Kolonie als „Zwischenwelt“, die sich auf Beziehungen zur Mehrheitsgesellschaft und zur Herkunftsgesellschaft bezieht. In der „Zwischenwelt“ erhalten Migranten Orientierungshilfe und Unterstützung und durch die ethnische Kolonie, um die mit der Einwanderung verbundenen Probleme zu bewältigen und sich an die neue Umgebung anzupassen. Deswegen dient die ethnische Kolonie als Übergangsinstitution auf dem Weg zur Integration. Ob die ethnische Kolonie sich zur Segregation entwickeln wird oder bei der Rolle der Übergangsinstitution für Akkulturations-  und Assimilationsprozesse bleibt, hängt sowohl von der Kontinuität der Neuzuwanderung bzw. Bedürfnislagen der Migranten, als auch von den Verhältnissen der Mehrheitsgesellschaft und Migranten ab. Einerseits wird die ethnische Kolonie durch die Lösung oder Abschwächung von Anpassungsproblemen der Migranten an Bindewirkung, Organisierungskraft und Bedeutung verlieren. Wenn andererseits in der Aufnahmegesellschaft Offenheit besteht, wenn es keine ethnischen Vorurteile bzw. keine Exklusion der Migranten von gesellschaftlichen Chancen und Positionen gibt, wird sich weder  eine Stabilisierung der Segmentationen noch ethnische Minderheitsbildung im Nationalstaat ergeben.

Im Folgenden fasse ich die Integrationstheorie bzw.das Assimilationsverständnis nach Harmut Esser und Friedrich Heckmann zusammen. Dabei stellt sich einerseits heraus, dass die Kontakte zu Mitgliedern der Aufnahmegesellschaft als wichtiger Faktor der sozialen Integration der Migranten gelten. Andererseits aber darf die Aufnahmegesellschaft die Kontakte zu Angehörigen der ethnischen Community  nicht ausschließen, da  diese zu einer größeren Vielfalt als Charakteristik um der Einwanderungsgesellschaft beitragen.

Integrationstheorie

Nach Hartmut Esser beinhaltet der Begriff „Integration“ „Systemintegration“ und „Sozialintegration“. Beim Begriff „Systemintegration“ geht es um die Integration von Gruppen  als System, wie Organisationen, in die Gesellschaft, während es  sich beim Begriff „Sozialintegration“ um die Integration der Individuen in die jeweiligen sozialen Systeme handelt. „Sozialintegration“ findet in vier Dimensionen statt: „Kulturation“, „Platzierung“, „Interaktion“ und „Identifikation“. In Bezug auf Drei-Gesellschaft- Systeme,     nämlich das Herkunftsland, das Aufnahmeland und die ethnische Gemeinde im Aufnahmeland, unterscheidet Esser vier Typen der Sozialintegration von Migranten: „Marginalität“, „Segregation“, „Mehrfachintegration“ und „Assimilation“. Darunter wird „Assimilation“ als spezieller Fall der „Sozialintegration“ in die Aufnahmegesellschaft betrachtet. Assimilation  bezeichnet „den Zustand der Ähnlichkeit einer Person relativ zu den Teilbereichen der Aufnahmegesellschaft“. Im Anschluss an vier Dimensionen der Sozialintegration ergeben sich vier Assimilationsformen: Kulturelle Assimilation, strukturelle Assimilation, soziale Assimilation und identifikative Assimilation.

Heckmann weist darauf hin, dass der Begriff „Assimilation“ von Esser  eine „vollständige“ Übernahme der Kultur der Mehrheitsgesellschaft von Migranten einschließlich Aufgabe der ethnischen Herkunftskultur bzw. Verschwinden zuvor existierender ethnischer Identitäten bedeutet. Deswegen führt er den Begriff „Integration“ statt „Assimilation“ ein: „Integration bezeichnet auf einer allgemeinen Ebene die Eingliederung neuer Bevölkerungsgruppen in bestehende Sozialstrukturen und die Art und Weise, wie diese neuen Bevölkerungsgruppen mit dem bestehenden System sozio-ökonomischer, rechtlicher und kultureller Beziehungen verknüpft werden“. Ähnlich wie der Assimilationsprozess mit den vier Dimensionen der Sozialintegration nach Esser besteht der  Integrationsprozess nach Heckmann aus vier folgenden Dimensionen: strukturelle, kognitive, soziale und identifikative Integration. In Anlehnung an Heckmann verfasste die Landeshauptstadt München das Integrationskonzept. Im Folgenden stelle ich einige Aspekte dieses Integrationskonzepts dar.

Integrationskonzept der Landeshauptstadt München

Integration ist ein wechselseitiger Prozess, in den alle Akteure, die einheimische Bevölkerung, Zuwanderer, zivilgesellschaftliche Gruppen der Stadtgesellschaft und die Institutionen der Mehrheitsgesellschaft einbezogen werden.

Das Konzept der Landeshauptstadt München definiert Integration als „einen längerfristigen Prozess der Eingliederung und Einbindung von Zuwanderinnen und Zuwanderern in die gesellschaftlichen Kernbereiche, mit dem Ziel der Chancengleichheit. Für das Gelingen dieses Prozesses tragen Eingewanderte wie Mitglieder der Aufnahmegesellschaft in gleicher Weise Verantwortung. Unser Integrationsverständnis respektiert und wertschätzt kulturelle Vielfalt und fördert die in der Vielfalt liegenden Potenziale“

Der gesellschaftliche Integrationsprozess findet in vier Dimensionen statt: Strukturelle Integration, soziale Integration, kulturelle Integration und identifikatorische Integration.

Kern des Integrationskonzepts sind elf Grundsätze. Davon möchte ich die Grundsätze 4 und 5 hervorheben, die die Herkunftskultur der Zuwanderer nicht ausschließen, sondern sie als Ressource der Migranten im Integrationsprozess schätzen: „Sprachkompetenzen im Deutschen und in den Herkunftssprachen sind Schlüsselressourcen von Integration“, „Integration bedeutet, Vielfalt anzuerkennen und zu gestalten […]“ Im heutigen Kontext der interkulturellen Orientierung bzw. interkulturellen Öffnung leisten ethnische Community und deren Vereine, Organisationen einen bedeutsamen Beitrag zur Integration und Völkerverständigung.

In den folgenden Kapiteln werde ich durch die Darstellung der vietnamesischen Community in München die Funktionen der vietnamesischen Vereine, Organisationen, Vereinigungen erläutern.

Identifikative Integration

* aufseiten der Einwanderer:

+ Zugehörigkeitsgefühl

+ Identifizierungsbereitschaft mit Strukturen der Aufnahmegesellschaft

* aufseiten der Mitglieder der Aufnahmegesellschaft

+ Identifikation mit der Einwanderungsgesellschaft, die sich durch Zuwanderung permanent verändert.

Soziale Integration

+ Erwerb gesellschaftlicher Mitgliedschaften in der privaten Sphäre, in Vereinen, Freundeskreisen oder Nachbarschaften

Strukturelle Integration

+ Erwerb von Rechten bzw. Erfüllung von Pflichten

+ Zugang in Kernbereiche der Aufnahmegesellschaft: Arbeitsmarkt, Wohnungsmarkt, Bildungssystem, Gesundheitssystem, soziales Versorgungssystem,  politische Interessenvertretungen

Kulturelle Integration

+  Erwerb der deutschen Sprache

+ Werteannäherung: durch Veränderung von Einstellungen und Verhalten

>>> Vietnam Community in München

Author: Diem Quynh Le


Literaturquellen

Heckmann, Friedrich, 1998. Ethnische Kolonie: Schonraum für Integration oder Verstärker der Ausgrenzung? In: Friedrich-Ebert Stiftung (Hrsg.): Ghettos oder ethnische Kolonien? Entwicklungschancen von Stadtteilen mit hohem Zuwandereranteil, S.33; Oswald, Ingrid, 2007. Migrationssoziologie,S.119; Treibe, Annette, 1999. Migration in modernen Gesellschaften, S.191; Heckmann, Friedrich, 1992. Ethnische Minderheiten, Volk und Nation, S.96ffHeckmann, Friedrich, 1998. Ethnische Kolonie: Schonraum für Integration oder Verstärker der Ausgrenzung? In: Friedrich-Ebert Stiftung (Hrsg.): Ghettos oder ethnische Kolonien? Entwicklungschancen von Stadtteilen mit hohem Zuwandereranteil. Statistisches Bundesamt, 2010. Bevölkerung und Erwerbstätigkeit. Ausländische Bevölkerung. Ergebnisse des Ausländerzentralregisters, S. 84f.;

Landeshauptstadt München, Sozialreferat,2008. Interkulturelles Integrationskonzept, S.13; Landeshauptstadt München, Sozialreferat, 2008. Interkulturelles Integrationskonzept. Grundsätze und Strukturen der Integrationspolitik der Landeshauptstadt München, S.12;


Heckmann, Friedrich, 2005. Bedingungen erfolgreicher Integration, S.2/2; Esser, Hartmut, 2001. Integration und ethnische Schichtung, S.3; Heckmann, Friedrich, 1992. Ethnische Minderheiten, Volk und Nation, S.104ff; Han, Petrus (2000). Soziologie der Migration: Erklärungsmodelle, Fakten, Politische Konsequenzen, Perspektiven, S.229; Ceylan, Rauf, 2006. Ethnische Kolonien, S. 55;
Heckmann, Friedrich, 1998. Ethnische Kolonie: Schonraum für Integration oder Verstärker der Ausgrenzung? In: Friedrich-Ebert Stiftung (Hrsg.): Ghettos oder ethnische Kolonien? Entwicklungschancen von Stadtteilen mit hohem Zuwandereranteil, S.37; Haug, Sonja und Diehl, Claudia, 2005. Aspekte der Integration. Eingliederungsmuster und Lebenssituation italienisch- und türkischstämmiger junger Erwachsener in Deutschland, S.47


Aktualisiert ( Montag, den 27. Juni 2011 um 20:53 Uhr )